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Twitter: die Technik und der Tod

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ElektromobilIch habe lange überlegt, ob ich diesen sehr persönlichen, aber auch nerdigen Artikel schreibe. Habe mich dann aber doch dafür entschieden.

Es heißt, das Netz vergißt nie. Warum also nicht mal sinnvoll nutzen. Das hier soll nämlich nicht vergessen werden.
  Es ist meine Art, mit dem Tod eines sehr nahen Angehörigen umzugehen. Also nennt es Therapie oder wie auch immer.

Mein Vater ist vor zwei Jahren schwer an Krebs erkrankt. Es folgte eine OP, diverse Chemotherapien etc.. Ich weiß inzwischen, was ein Krebsmarker ist und wie das aussieht mit der Krankheit ansich.
Mein Vater ist technisch sehr interessiert - vermutlich habe ich meine Hang zur Technik von ihm. Als ich klein war, hat er die Röhrenfernseher der Nachbarn und Bekannten repariert. Im Osten gab es eine technische Zeitschrift, die nannte sich "Der Funkamateur". Die hatten wir im Abo. Er hat die Schaltpläne darin verschlungen.

Ein Experiment, was ein wenig daneben gegangen ist wegen meiner Dummheit, war ein elektrischer Türöffner. Wir hatten als Kinder immer Probleme mit den Wohnungsschlüsseln. Die gingen elendsmäßig schwer. Also hat mein aufmerksamer Vater uns einen elektrischen Türöffner nach einem Schaltplan aus benannter Zeitschrift gebaut. Das Ding hatte 4 Knöpfe, die in einer bestimmten Kombination gedrückt werden mußten, um die Tür zum surrenden Öffnen zu bewegen. Das war eine erhebliche Erleichterung für uns Kinder. Nur leider war ich ein bisschen zu doof, eine Hand davor zu halten, als ich ein Nachbarskind mit nach Hause brachte. Sie hat sich die Kombination gemerkt und ist an unsere Spardosen gegangen, als wir nicht zu Hause waren. Damit wurde das Experiment leider für gescheitert erklärt. Der Schaden war echt marginal, aber man weiß ja nie...

Und so ein Vater kann auf einmal keine weiten Strecken mehr laufen. Was also kauft er sich? Ein Elektromobil. Alles auf vier Rädern war von ihm problemlos zu bewegen. Also trottet er von nun an unverdrossen mit dem Elektromobil zu allen für ihn interessanten Veranstaltungen.

Dann kam Anfang Mai diesen Jahres ein heftiger Zusammenbruch. Das Krankenhaus hatte ihn soweit wieder hergestellt, dass er bestimmte Dinge noch alleine tun konnte. Der Pflegedienst kam einmal am Tag und kümmerte sich um die hygienischen Bedürfnisse meines Vaters. Dank einer Vereinbarung mit meinem Arbeitgeber, konnte ich zweieinhalb Wochen vom Homeoffice in Uelzen aus arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits meinen kompletten Urlaub verbraten. Insgesamt war ich etwas mehr als vier Wochen in Uelzen bei ihm.

Funkkopfhörer für schwer HörgeschädigteDabei ist mir aufgefallen, dass er Probleme mit dem Hörgerät hatte. Fernsehen war so gut wie komplett ausgeschlossen. Mit uns reden, ging nur, wenn er uns auch Sprechen sah. Dabei habe ich festgestellt, dass es möglich ist, auch im Alter das Lippenlesen zu erlernen. Die Hörprobleme in Sachen Fernseher sind für einen ans Bett gefesselten Patienten die Hölle. Er meinte immer wieder, dass er einen Funkkopfhörer benötigen würde. Also habe ich geforscht. Es gibt speziell für schwer Hörgeschädigte Funkkopfhörer. Die sind so laut, dass es möglich ist, dem Geschehen im Fernsehen tatsächlich zu folgen. Also hab ich so ein Ding besorgt. Schon das Auspacken war wie eine Unboxing-Orgie auf Caschys Blog.

Philips SCD510 BabyphoneDann war da noch das Problem mit der Betreuung. Eine Nachbarin, die über ihm wohnte, hat sich ganz rührend um ihn gekümmert. Sie hatte aber stets morgens Angst, runterzugehen in die Wohnung meines Vaters, weil ja in der Nacht etwas hätte gewesen sein können. Da überlegt der Nerd natürlich gleich wieder, wie man dem technisch entgegenwirken kann. Ich würde ja nicht immer dort vor Ort sein können und dann müßte die Nachbarin wieder einspringen. Also hab ich ein Babyphone von Philips besorgt - DECT-Standard, Gegensprechfunktion und vor allem 330 m Reichweite. Die Nachbarin konnte ab jetzt auch mal den Nachmittag in einem der benachbarten Gärten zum Grillen verweilen, ohne dass mein Vater ohne Aufsicht gewesen wäre. Denkt mal nicht, dass es leicht gewesen wäre, beide davon zu überzeugen. Habs aber doch geschafft.

Nach meiner HomeOffice-Phase blieb mir nur noch die Möglichkeit, jedes Wochenende von Frankfurt am Main nach Uelzen zu fahren, um nach ihm zu sehen. Um das Ganze finanziell etwas abzufedern, habe ich über Mitfahrgelegenheit.de Mitfahrer gesucht und gefunden. Inzwischen gibt es sogar eine Android - App dafür. Die hätte ich damals gut brauche können.

Und jetzt komme ich zum Thema "Twitter" und "Tod". Mein Vater war zum Schluß auf der Palliativstation im Uelzener Krankenhaus. Eine sehr liebevoll ausgestattete Station, die nur noch für Schmerzlinderung sorgt. Hier habe ich mit meinem Vater 3 Tage und Nächte verbracht.

Ich hatte mein Laptop und Angie Radtkes neuestes Joomla-Buch mitgenommen, konnte aber einfach nichts Fachliches bewältigen. Dann hab ich es mit einem lustigen Buch versucht - auch das war ein Fehlschlag. Das Einzige, was mich ein wenig abgelenkt hat, war "Twitter". Meine Twitter-Community, die Webgrrls, die Rheinmain-Twitterer und der Spaßvogel @FensterRentner im Besonderen haben mich ein wenig aufgerichtet. Zugegeben Ottos Humor ist etwas derbe, aber immerhin brauchte ich nicht nachdenken. Seine Blogbeiträge sind immer witzig.
Hintergrundwissen über Schwerhörigkeit habe ich bei @EinAugenschmaus gefunden und Trost bei meinen Webgrrls, als es vorbei war. Überraschenderweise fand ich einen Artikel zu dem Thema Krankheit bei einem meiner männlichen Follower. Der Artikel von Jens Stratmann ist absolut lesenswert. Und ja, der Jens schreibt auch ein technisches Blog und ist als Twitterer mit dem Namen @jens1979 unterwegs.

Der Lebensbaum auf der Palliativstation in UelzenUm die letzte Zeit mit meinem Vater nicht verloren zu geben, habe ich alle meine Tweets, die etwas mit ihm zu tun hatten, mit dem Hashtag #PiechiVadder versehen. Wer sich das ansehen möchte, muß nicht befürchten, dass hier nur Tragik zum Ausdruck kommt. Mein Vater war ein lustiger alter [naja 74 ist eigentlich kein Alter]  Mann. Insofern: Danke Twitter und Danke liebe Follower, dass es Euch gibt.

Ich verspreche: der nächste Artikel wird wieder technisch.

Kommentare

Gespeichert von Iris (nicht überprüft) am/um

Liebe Gaby, das ist ein schöner Beitrag, der mir nahe ging! Irgendwann gehört der Tod zu den Erfahrungen und doch ist es sehr traurig. Es berührt mich, wenn Eltern (väter) und ihre erwachsenen Kinder sich nahe stehen. Ich frage mich dann immer, wie es wohl gewesen wäre ...Liebe Grüße!

Gespeichert von Otto Redenkämper (nicht überprüft) am/um

Kerr, da bin ich getz aba echt en bissken sprachlos. So richtich sprachlos bin ich ja nie, datt iss ja bekannt, aba diesen Text hier iss mir echt anne Nieren gegangen, vor allem weil ich ja selba au noch drin vor komme. Datt iss wirklich en ganz tollen Text den du da über dein Vater geschriebn hast.Weiß au gar nich watt ich da getz sagn soll, aba ich wünsch Dir un Deine Familie auf jeden Fall allet Gute un möcht an diese Stelle mein Beileid übermitteln. Ich drück Dich ma ganz lieb durchet Internetz durch!Otto

Gespeichert von renaade (nicht überprüft) am/um

Danke Gaby! Dem eigenen Vater beim Sterben zuzusehen ist verdammt nicht einfach. Das habe ich vor 2 Jahren auch erfahren müssen. Umso besser finde ich Deinen Beitrag. Er zeigt, dass das Sterben zum Leben dazu gehört und Weinen und Lachen eng beieinander liegen. Wir sollten unbedingt wieder lernen, angemessen mit dem Thema umzugehen.

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Wir sollten unbedingt wieder lernen, angemessen mit dem Thema umzugehen.

Das war mit ein Grund, den Artikel überhaupt zu schreiben. Unter angemessen verstehe ich dabei das Zulassen von Gefühlen, was ungemein helfen kann.

Gespeichert von @sonnenblume1975 (nicht überprüft) am/um

Gaby eine stille & lange virtuelle Umarmung. „…in unserer Sanduhr fällt das letzte Kornich hab gewonnen und hab ebenso verlorn'jedoch missen möcht ich nichtsalles bleibt unser gedanklicher Besitzund eine bleibende Erinnerungzwischen Tag und Nacht legt sich die Dämmerung…“Was für Zeiten in denen man bei virtuellen Followern, Freunden und in Blogs beistand findet ;). Dir für Dich neben dem gedanklichen Besitz einen virtuellen Ort des Andenkens an Deinen Papa zu schaffen, der bleibt = das Netz vergisst nicht, ist eine schöne Idee und passt zu Euch beiden Technikaffinen, er hätte sich gefreut & wäre sicher begeistert gewesen!!! „So still, dass jeder von uns wusste, das hier istfür immer, für immer und ein Leben und es warso still, dass jeder von uns ahnte, hierfür gibts kein Wort, das jemals das Gefühl beschreiben kann.“… und wenn Du ne physische Umarmung brauchst, bin da … !!!

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@sonnenblume1975

So still, dass jeder von uns wusste, das hier ist für immer, für immer und ein Leben und es war so still, dass jeder von uns ahnte, hierfür gibts kein Wort, das jemals das Gefühl beschreiben kann.

Das ist von Jupiter Jones
- hab ich in der Friedhofskapelle zur Beerdigung mittels Milestone abgespielt ;-). Und von wem ist das Gedicht, welches Du oben zitiert hast? Neugierig!!!

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Gespeichert von android_oma am/um

„…in unserer Sanduhr fällt das letzte Korn
ich hab gewonnen und hab ebenso verlorn'
jedoch missen möcht ich nichts
alles bleibt unser gedanklicher Besitz
und eine bleibende Erinnerung
zwischen Tag und Nacht legt sich die Dämmerung…“

Hätt ich eigentlich wissen müssen, dass das die Söhne Mannheims sind

Gespeichert von Susanna (nicht überprüft) am/um

Deine Beitrag hat mich sehr berührt. Wenn Eltern langsam aus unserem Leben gehen, wollen wir da sein und das tun, was wir am besten können. Auch als Nerds.

Es ist ja nicht verkehrt, wenn wir nach technischen Möglichkeiten suchen, um unseren Eltern ihr Leben leichter zu machen.
Für uns ist so eine Entwicklung sicher nicht leicht. Irgendwann geht die Verantwortung auf uns über. Und gut, wenn wir sie auch ergreifen.

Vielleicht hast Du (so als Nerd) einen Weg gefunden, mit dem Abschied von den Eltern umzugehen. Ich wünsche es Dir.

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